Im Jahre 2005 eroberte ein 20 Jahre nicht gehoertes Wort die Medien – Unterschicht. Mit dem Unterschichtfernsehen beginnend entdeckte ein ganzes Land eine Gruppe von Menschen wieder, die es nach Auffassung der Politik – von links bis rechts – natuerlich gar nicht geben durfte: Die Unterschicht.
Haben wir eine Unterschicht? Natuerlich. Wir hatten immer eine. Menschen, die sich geringverdienend oder sozialhilfeabhaengig mit geringem Bildungsstand, schlechtem Benehmen und wenig Ambitionen in ein Leben stuerzten oder fuegten, dass von vielen grossen F`s gekennzeichnet war, Fernsehen, Fressen, Feten … Kein neues Phaenomen. Es gab diese Menschen immer, auch wenn sie zu Hochzeiten der Vollbeschaeftigung in der Arbeiter- oder Kleinbuergerschicht aufzugehen schienen. Das war auch damals schon ein Irrtum – und auch heute ist die Vermeidung des Begriffes nicht etwa Respekt geschuldet, sondern dem Versuch, das damit verbundene Problem zu vermeiden.
Welches Problem? Ganz einfach – die deutsche Gesellschaft von 2007 hat diesen Menschen kein Angebot auf Verbesserung ihrer Situation zu machen. Im Gegenteil. Ihre finanzielle Sitaution hat sich seit 1980 relativ zur Gesamtbevoelkerung deutlich verschlechtert, die ihnen einmal zur Verfuegung stehenden Anlernjobs wanderten aus und ihre Bildungsperspektive ist mit der ueberbordenden Begeisterung fuer verschulte Berufsausbildung eher ein Alptraum. Lassen Sie uns hier kurz verweilen. Wie wuerden Sie sich fuehlen? Wenn Sie, in einem bildungsfernen Haushalt aufgewachsen und mit einem Wortschatz von ein paar hundert Worten eingeschult, nach dem muehsamen Grunderwerb von Lesen, Schreiben und Rechnen den immer hoeher steigenden Forderungen selbst der Hauptschule nicht mehr gewachsen waeren? Als Versager? Richtig! Schon als Versager abgestempelt in die freie Wildbahn entlassen, wartet dann … nun, nichts mehr auf Sie. Die sinn- und haltgebenden Berufe mit einem Einkommen, das zumindest fuer Fernseher und Kneipe ausreichte, sind ausgewandert. Ihre durchaus vorhandenen Faehigkeiten werden in Deutschland nicht mehr gebraucht, einfache manuelle Taetigkeiten oder schweisstreibende Arbeiten werden im Ausland oder durch Maschinen erledigt. Preisfrage: Was machen Sie jetzt?
Und wegen dieser Frage ist die Unterschicht ein Problem, dass Deutschland und die deutsche Politik sehr viel angeht. Angehen muesste. Denn immer mehr Angehoerige dieser zugespitzt beschriebenen Unterschicht reagieren durchaus folgerichtig – mit Poebeleien, Agressionen und Gewalt. Noch gesteigert durch die Migrantenkinder aus eingewanderten Unterschichtfamilien, die zu ihren sonstigen Problemen noch den Kultur- und Traditionsbruch verkraften muessen. Um es drastisch zu sagen: Wenn wir eine geographische Dreiteilung Deutschlands – in schwer bewachte Besserverdienheimstaetten, immer noch polizeigeschuetzte Mittelstands- und Kleinbuergerviertel und praktisch gesetzlose Unterschichtghettos – verhindern wollen, dann werden wir handeln muessen. Wir? Ja, wir. Denn im Alltag verschaerfen wir alle – aus absolut nachvollziehbaren Motiven – die Segregation. Wir ziehen nur in gute Viertel, weisen neue Sozialwohnungen nur in sozialen Brennpunkten aus, verfrachten unsere Kinder aus den Problem- in gute Schulen, notfalls ueber dutzende von Kilometern. Wir sind die Mehrheit – und Politik folgt allen Geruechten zum Trotz langfristig der Mehrheitsmeinung.
Es liegt in unser aller Interesse, die (vermutlich nicht vollstaendig vermeidbare) Unterschicht klein zu halten, moeglichst vielen Menschen den Aus- und Aufstieg aus ihr zu ermoeglichen und ihren Angehoerigen Ziele und Perspektiven zu geben. Aus Eigeninteresse, wenn denn das Ziel eines Menschen wuerdigen Lebens fuer alle zu theoretisch bleibt, um Folgen zu zeitigen.
Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird während der Frankfurter Buchmesse am 14. Oktober in der Paulskirche überreicht – drei Tage nach dem 75. Geburtstag Friedländers. Der Dachverband der deutschen Buchbranche „ehrt damit den epischen Erzähler der Geschichte der Shoah, der Verfolgung und der Vernichtung der Juden in der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft in Europa“, teilte der Stiftungsrat des Friedenspreises zum Auftakt der Buchhändlertage in Berlin mit.