Aufgeachsen in den sechzigern und siebzigern war grenzenlose Bewunderung fuer das Duchhaltevermoegen, den Mut und das militaerische Vermoegen des kleinen Nahoststaates mein Begleiter in der Jugend.
Irgendwann in den achtzigern begann sich etwas zu veraendern. Palaestinenserhalstuecher waren en vogue in Teilen der Linken und Pseudolinken, die Berichterstattung in den Medien wurde israelkritischer. Kein Grund zur Sorge, der Zeitgeist halt – was denkt man nicht alles, wenn man mit anderen Themen beschaeftigt ist.
1991 – die Befreiung Kuwaits von irakischen Besatzern. Ein eindeutiger Verteidigungskrieg gegen einen genauso eindeutigen Aggressor. Und trotzdem in Deutschland hunderttausende auf der Strasse, „kein Blut fuer Oel“. Die ersten Scuds auf Israel – und ein deutscher Aussenminister betreibt Scheckbuchdiplomatie. An den Hochschulen die ersten Flugblaetter, die die Israelis als Taeter und die Palaestinenser als Opfer darstellen. Antizionismus = Antiimperialismus = Antikapitalismus? Schlucken beim Zeitzeugen, der in der Abschlussdemonstration gegen den Krieg im Bonner Hofgarten einer von ca. zwei Dutzend Demonstranten fuer den Golfkrieg war.
2000 – Abstecher ins Usenet. Wuerg. Mehr und mehr politische Gruppen werden ueberschwemmt mit aktivistischen Postern, die Antizionismus, Antikapitalismus, das Finanzkapital, alte antijuedische Legenden, Mossad inszeniert 9/11 und schlichten Judenhass zu einem Amalgam verschmelzen, das einem uebel werden kann. Und eine persoenliche Beobachtung bei beilaeufigen politischen Diskussionen im Bekanntenkreis – je juenger die Teilnehmer, umso wuetender zum Teil Antizionismus, Israelkritik, Palaestinenserverstaendnis. In den Medien staendig verstaerkte Israelberichterstattung. Da Armeeoperationen leichter zu filmen sind, als Selbstmordattentaeter und Kassam-Raketen, ist der vermittelte Eindruck eindeutig – Israel unterdrueckt und mordet die armen palaestinensischen Zivilisten. Selten, sehr selten, die Erwaehung, dass Terrororganisationen wie Hamas und Hisbolah ausdruecklich und offiziell die Vernichtung des Staates Israel propagieren. Noch seltener die Erwaehnung des taeglichen Kleinkrieges gegen Angriffe – von Selbstmordattentaetern, durch Kassam-Raketen, einsickernde Kommandos. Statt dessen Berichte, was der Mauerbau, die Checkpoints und die Grenzschliessungen den (schon wieder) voellig unschuldigen palaestinensischen Zivilisten antat. Als der Libanonkrieg 2006 begann, musste man schon ZEIT Leser sein, um zeitnah zu erfahren, dass er keineswegs NUR wegen der Entfuehrung zweier Soldaten begann, sondern dass die Hisbollah vom libanesischen Staat ungehindert in steigender Frequenz israelische Ortschaften beschoss, seit Jahren schon.
Und heute? Macht Israel alles richtig? Ganz sicher nicht, weder die Grossisraelpolitik der siebziger und achtziger noch der Siedlungsbau auf palaestinenschem Gebiet lassen sich nach irgendwelchen ethischen Masstaeben rechtfertigen. Braucht Israel unsere Solidaritaet? Natuerlich. Nicht, weil es ein Judenstaat ist – das ist eher irrelevant. Sondern weil es die einzige, staendig in seiner Existenz bedrohte, halbwegs rechtsstaatliche Demokratie im Nahen Osten ist. Wer die israelische militaerische Ueberlegenheit mit Sicherheit verwechselt, beluegt sich selbst. Enbenso wie die, die glauben, Israel muesse nur einen Palaestinenserstaat zulassen und alles werde gut. Die Palaestinenser in Gaza haben einigen von uns mit der Herrschaft der Hamas vielleicht die Augen geoeffnet.
Ist Deutschland antisemitisch? Nein, ist es nicht. Umfragen, wie die, in der mehr als 60% der Deutschen Israel fuer die groesste Gefahr fuer den Weltfrieden halten, sind kein Indiz fuer Antisemitismus. Sie sagen eher etwas ueber die nahezu paranoid auf Israel fixierte Berichterstattung in deutschen Medien, speziell dem Fernsehen, aus. Bezieht man seine Informationen aus „heute“, muss man zu dem Schluss kommen, nach den USA sei Israel das zweitwichtigste Land der Welt. Gibt es antisemitische Tendenzen? Ja, die gibt es. Offensichtlich. Unter der Tarnung von Anti-Globalisierung, Anti-Kapitalismus, Anti-Imperialismus feiern alte Stereotype ueber Juden „froehliche“ Wiederauferstehung.
Ich haette 1980 nicht geglaubt, Israel jemals oeffentlich gegen Angriffe verteidigen zu muessen, es gab sie eigentlich nicht. Dass ich im Jahre 2007 halbwegs gebildeten Menschen erklaeren muss, wo der Unterschied zwischen expliziten Vernichtungsankuendigungen gegen Israel und noch so schlechten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Palaestinenser liegt, hat mich persoenlich ziemlich getroffen. Haben manche von uns Deutschen vielleicht doch den Juden Auschwitz nicht verziehen?
Die auf Israel fixierte Berichterstattung entsteht, weil sie das Bedürfnis danach befriedigt. „Speziell im Fernsehen“ – nein, nicht nur. Berichtet wird, was gelesen wird. Dies alles „Tendenzen“ zu nennen, um den wiederauflebenden Antisemitismus nicht sehen zu müssen, ist… Augenwischerei.
Kommentar von motek1 — Juli 24, 2007 @ 10:24